Die optische Telegrafie
Die Bemühungen der Menschen, Nachrichten über die naturgegebene Rufweite
ihrer Stimme hinaus zu übertragen, sind ebenso alt wie die Geschichte der
Menschheit überhaupt. So kann man sich mit einiger Fantasie wohl vorstellen,
wie in grauer Vorzeit ein Neandertaler seinen benachbarten Höhlenbewohnern
durch Rauchzeichen mitteilte, dass ein Mammut in die Falle gegangen sei. Das
war bereits ein In-die-Ferne-Schreiben. Diese Art der Nachrichtenübermittlung
wurde im Laufe der Jahrtausende immer weiter entwickelt und erreichte ihren
Höhepunkt im römischen Weltreich, als politische und militärische Nachrichten
mit einer heute noch bewundernswerten Schnelligkeit bis an die äußersten
Grenzen des Imperiums verbreitet wurden. Auch den alten Persern und Griechen
war das Feuer als Nachrichtenübermittler bekannt.
Die Römer bauten Telegrafenlinien, die aus Telegrafentürmen (=specula)
bestanden und deren militärische Besatzung ständig bereit stand, um von der in
Sichtweite entfernten Nachbarstation Nachrichten zu empfangen und
weiterzugeben. Mit dem Untergang der großigen Römereiche zerfielen auch die mit
solchen Signaleinrichtungen versehenen Türme und Limeskartelle. Die optische
Telegrafie geriet wieder in Vergessenheit.
Erst Napoleon schuf sich mit der optischen Signalmast-Telegrafie einen
vergleichbar schnellen Nachrichtendienst, den er zur Verwaltung seines
Riesenreiches und zur Einsatzlenkung seiner Heere brauchte. Mit dem von Chappe
im Jahre 1793 erfundenen Telegrafen konnte man durch entsprechendes Drehen
eines langen Balkens und zweier Flügel (=Indikatoren) 92 besonders
charakteristische und gut erkennbare Zeichen bilden. Für die meisten Ausdrücke
musste mehr als ein Zeichen übermittelt werden.
Das System bewährte sich ausgezeichnet. Noch 1852 gab es in Frankreich über 500
Chappe-Stationen mit einer Linienlänge von 4800 km.
Nach neueren, noch nicht abgeschlossenen Geschichtsforschungen ist es übrigen
durchaus denkbar, dass dem Mediziner und Naturforscher Christoph Ludwig von
Hoffmann die Ehre der Erfindung zugesprochen werden muß, die bisher Chappe
genossen hat. Nach der "Zeitschrift für Schwachstromtechnik" 1908
erfand v. Hoffmann in Burgsteinfurt die optische Telegrafie und ließ bereits
"im Jahre 1782 von dieser Sache eine abgekürzte Nachricht in Münster
drucken; also 10 Jahre früher als die Franzosen der Welt etwas davon bekannt
gemacht haben..."
Ähnlich wie die französische optische-mechanische Telegrafie arbeitete auch die
Telegrafenlinie Berlin - Koblenz, die die preußische Telegrafenverwaltung in
den Jahren 1832 - 34 errichtete und die auch unser ostwestfälisches Gebiet
berührte.
Am 10. Oktober 1832 wurde die Königliche Preußische
Regierung zu Minden verständigt, dass der König die Einrichtung einer
telegrafischen Verbindung zwischen Berlin und Koblenz nachgeordnet habe. Major
O'Etzel vom Generalstab der Armee war beauftragt worden, für die Linie von
Magdeburg bis Koblenz "Stationspunkte zur Errichtung der
Telegrafenstationen auszumitteln, die Baustellen abzustecken und die Errichtung
der nötigen Bauten sofort anzuordnen."
Die etwa 700 km lange Linie bestand aus 61 Telegrafenstationen, die an
geografisch günstigen Stellen aufgebaut wurden
An Masten, die aus dem Gebäude heraus ragten, waren drei
weithin sichtbare, bewegliche Holz-Doppelarme angebracht, die von dem
"Kurbel-Telegrafisten" mit der Hand bedient werden mussten. Durch
verschiedene Stellungen der 6 Arme konnten insgesamt 4096 verschiedene Zeichen
gebildet und übermittelt werden. Der "Späh-Telegrafist" musste mit
einem Fernrohr die Nachbarstation beobachten, damit ihm kein Signal entging.
Eine Depesche aus 30 Wörtern konnte "bei vorzüglicher Luft" in 1,5 Stunden von Berlin nach Koblenz übermittelt werden. Die nächste Station von Bielefeld aus war die Station 32 Oeynhausen bei Nieheim. Siehe auch www.oeynhausen.com.
Die elektrische Telegrafie
Versuche des Deutschen Sömmering (1755 - 1833) mit elektro-chemischen
Telegrafen verliefen zwar schon 1809 recht erfolgreich. Da man aber für jeden
Buchstaben eine besondere Leitung benötigte, war an eine Betriebserprobung größeren
Stils nicht zu denken.
1836 führte Steinheil den ersten elektrischen "Schreibtelegrafen" der
Welt vor, mit dem er bald eine 5 km lange Strecke telegrafisch überbrücken
konnte.
Während auf den optischen Telegrafenlinien nur Staatstelegramme übermittelt werden
durften, wurden auf den elektrischen Telegrafenlinien bald nach ihrer Eröffnung
auch Privatnachrichten zur Beförderung zugelassen.
In Preußen begann man im Jahre 1848, nachdem groß angelegte Betriebsversuche
erfolgreich verlaufen waren, mit dem Bau der ersten Telegrafenlinien. Damit
verschwanden die optischen Telegrafen.
Als Leitungsdraht verwendete man Kupferadern, die mit einer Isolationsschicht
aus Guttapercha und Schwefel umpresst waren. Die so gefertigten Kabel wurden
etwa 50 cm tief in die Erde eingegraben. Aber schon nach 2 Jahren (1851) waren
die Kabel durch die Erdfeuchtigkeit unbrauchbar geworden (im Sprachgebrauch:
sie waren abgesoffen) wurden sie durch Blankdraht aus Eisen ersetzt. Diese
Blankdrahtleitungen wurden als Freileitungen an Masten auf Isolatoren gebracht.
Die Schreibtelegrafen dieser Art nannte man
Zeigertelegrafen, weil die empfangene Zeichen mit Hilfe eines Zeigers auf
einer Art Zifferblatt angezeigt wurden. Zeigertelegrafen konnten keine
Schriftzeichen drucken.
Die Preußische Telegrafenverwaltung trennte sich deshalb 1852 von dieser
Apparatetechnik und machte den Weg frei für von Morse erfundenen
Schreibtelegrafen, der wegen der Einfachheit seiner Einrichtungen und der
Sicherheit und Schnelligkeit seines Arbeitens allen bis dahin bekannt
gewordenen Telegrafenapparaten war.
Im Juni 1849 war die Telegrafenlinie von Berlin bis Aachen entlang der
Eisenbahnlinie fertig gestellt. Minden erhielt am 6. Mai 1849 die erste
Telegrafenstation Westfalens. Die Bielefelder Station wurde am 1. November 1856
in Betrieb genommen.
Einrichtungen der Telegrafenstationen
Zur Einrichtung damaliger Telegrafenstationen gehörten, abgesehen von der
galvanischen Batterie und der Leitung zur nächsten Telegrafenstation, zwei
Hauptapparate:
Die Taste, als Geber oder Sender, mit der
durch Schließen und Unterbrechen des elektrischen Stromes die telegrafischen
Zeichen gegeben wurden.
Der Morseapparat (Schreibapparat) als
Empfänger
Weitere Ausstattungsgegenstände waren ein Galvanoskop,
mit dem der elektrische Zustand der Leitung angezeigt wurde und ein Blitzableiter (ohne
Abb), um das Personal und die Geräte vor atmosphärischen Entladungen
(Gewitter) zu schützen.
Galvanoskop
Übermitteln einer Depesche (Telegramm)
Mit der Taste konnte der Stromkreis, der zur Empfangsstation
führte, geschlossen oder unterbrochen und somit die Buchstaben und Ziffern
einer Depesche durch Morsezeichen übertragen werden.
Als Empfänger diente der Morse-Schreibapparat mit dem
mechanischen Teil zur Fortbewegung des Papierstreifens und dem
elektromagnetischen Teil mit dem Schreibhebel.
Die Nachricht erschien auf einem Papierstreifen im Punkt-Strich-Code des
Morsealphabets. Nach dem Empfang einer Nachricht (Depesche) mussten die
Morsezeichen vom Papierstreifen abgelesen, in Klartext übersetzt und auf das
Telegrammformblatt niedergeschrieben werden. Mit diese Technik konnten bis zu
500 Wörter in der Stunde übermittelt werden.
Klopfer-Telegrafie
Eine Steigerung der Übermittlungsleistung brachte
der Einsatz von Klopfern.
Geübte Telegrafisten konnten mit ihrem Gehöhr die Signale des Morseschreibers
richtig erkennen. Diese Erfahrung machte man sich um die Jahrhundertwende durch
die Einführung des Klopfers zu Nutze. Der Klopferapparat gab die
Telegrafiezeichen gut hörbar wieder. Er bestand aus einem Elektromagneten mit
Anker und Amboss. Die Resonanz der verschieden klingenden Anschläge, wurde durch
die Lagerung des Apparates auf einem nur an drei Punkten unterstützten
Holzbrettchen und die Einbringung des Systems in eine Schallkammer verstärkt.
Die Schallkammer hatte bei der Deutschen Reichspost eine parabolisch
geformte Rückwand und konnte den Schall höhenverstellbar auf das Ohr des
Telegrafisten richten. Ein guter Telegrafist konne so bis zu 700 Wörter in der
Stunde aufnehmen. Ein weiterer Vorteil bestand darin, dass bei der Aufnahme von
Depeschen erheblich weniger Entstellungen des Textes vorkamen, als vor der
Aufnahme des Klopferbetriebes.
In der Telegrafie in Bielefeld waren 1899 19 Morseapparate und 4 Klopfer in Betrieb.
Klopfer in
der Schallkammer. Links unten eine
Sendetaste für den Klopferbetrieb
Hughes-Typendruckapparate
Eine wesentliche Verbesserung der Übermittlung telegrafischer Nachrichten
trat durch den Einsatz von Typendruckapparaten ein. Der amerikanische
Physikprofessor Hughes hatte 1854 einen verbesserten Typendrucktelegrafen
vorgestellt. Etwa ab 1868 wurden Apparate, die nach diesem Prinzip arbeiteten,
auch bei der späteren Reichspost eingesetzt. Mit ihnen konnten erstmalig
Buchstaben und Ziffern im Klartext übertragen werden. Da sie sehr teuer waren,
wurden sie nur auf besonders stark belasteten Leitungen eingesetzt. Gute
Telegrafisten schrieben mit ihnen 1200 bis 1500 Wörter pro Stunde. In Bielefeld
wurde der erste Typendrucktelegraf 1906 eingesetzt. Außer ihm waren noch 17
Morseapparate und 20 Klopfer in Betrieb.
Hughes -Typendrucktelegraf, um 1900.
Vorne: die aus 14 weißen und schwarzen Tasten bestehende Klaviatur.
Über der kleinen Papiertransportrolle: das Typenrad für den Druck
der 28 Zeichen. Hinten: die von Siemens & Halske erstmalig vorgeschlagene
Brems- und Regulierungsvorrichtung mit Fliehkraftregelung.
Der erste Hughes-Apparat für die Leitung nach
Berlin wurde 1906 in Bielefeld installiert. Zur ersten Bedienungsmannschaft
gehörten (von links): der Telegrafengehilfe Tönsmann, der
Obertelegrafenassistent Gettrup, die Telegrafengehilfen Starke, Höfer, Klöpper,
Steinbrecher und Brinkmann.
Blick in die Bielefelder Telegrafie um 1908. Im
Hintergrund die Morseabteilung (19 Apparate), in der Mitte und vorne die
Klopferabteilung (23 Apparate). Die beiden Typendruckapparate standen in einem
gesonderten Raum.
Weitere Entwicklung
Beginnend 1926 wurden bei der Deutschen Reichspost
Springschreiber für die Übermittlung von Telegrammen eingeführt. Sie verfügten
über eine einfach zu bedienende Schreibmaschinentastatur.
Zu ihrer Bedienung konnte jede Schreibkraft nach
kurzer Einarbeitungszeit eingesetzt werden. Die Telegrafiergeschwindigkeit
neuerer Fernschreiber betrug bis zu 7 Anschlägen in der Sekunde. Um diese
Geschwindigkeit voll nutzen zu können, war es sinnvoll, den Text zunächst in
einen Lochstreifen zu stanzen, um ihn dann über das ein- oder angebaute
Lochstreifengerät in den Fernschreiber und damit in die gebührenpflichtige
Verbindung zum angewählten Teilnehmer zu bringen.
Selbstwählfähige Telegrafennetze und die Aufnahme
internationaler Verbindungen führten zu weltumspannenden Kommunikationssystemen,
sowohl für die Übermittlung von Telegrammen als auch für den öffentlichen
Fernschreibdienst, der im Oktober 1936 gestartet wurde.
In Bielefeld wurde der Springschreiberdienst im Verkehr mit Berlin, Hamburg,
Düsseldorf und Köln 1936 aufgenommen.
Springschreiber wurden in vielen Varianten, sowohl als Blatt- als auch als
Streifenschreiber gebaut und allgemein als Fernschreiber bezeichnet, die erst
in den 90er Jahren durch neuere Entwicklungen verdrängt und ersetzt wurden. Moderner Fernschreiber (Blattschreiber) der Firma
Lorenz mit eingebautem Lochstreifengerät.
Etwa 1940 in der Telegrafie in Bielefeld, in der
ersten Etage des Postamtes an der Seite zur Herforder Straße. Die weißen Säulen an der rechten Seite gehen zur
Rohrpostanlage.
Frau Gertrud Schmidt um 1940 in der Telegrafie in
Bielefeld.
Elektromechanische Wählsysteme.
Schon bei der Einführung der Fernsprechwähltechnik entschied sich die
damalige Deutsche Reichspost dafür, in ihren Vermittlungsstellen
Schrittschalt-Drehwähler und Schrittschalt-Hebdrehwähler, die mit Hilfe von
Relais gesteuert wurden, einzusetzen.
Die erste nach diesem System in
Europa in Betrieb
genommene öffentliche Wählvermittlung wurde am
10. Juli 1908 in Hildesheim eingeschaltet. Die hier
verwandten Wähler waren eine Fortentwicklung des
von dem Amerikaner Strowgwer erfundenen und 1899
zum Patent angemeldeten Hebdreh-Wählers.
Dieser Wähler (auch Strowgwer- und Stangenwählergenannt) wurde noch einmal verbessert und im
Wählsystem 22 eingesetzt.Das erste Paderborner Selbst-Anschluss-Amt
(Inbetriebnahme am 5. Dezember 1925) arbeitete
nach diesem System.
Systeme mit diesen Wählern waren in den neuen Bundesländern bis nach der
Wiedervereinigung in Betrieb. Sie wurden in den 90er Jahren durch
modernste digitale Vermittlungssysteme ersetzt.
1926 wurde von der Firma Siemens
& Halske ein stark verbesserter Hebdreh-Wähler herausgebracht. Dieser
Wähler beschreibt in Betrieb eine Viereckbewegung und wird deshalb auch
Viereckwähler genannt. 1927 wurde er noch einmal verbessert und bildete, immer
wieder leicht verbessert, als Hebdrehwähler 27 (HDW 27) das Rückgrad der
Vermittlungstechnik bei der Deutschen Reichspost und später bei der Deutschen
Bundespost.
Ab 1955 wurde der Hebdreh-Wähler
durch den neu entwickelten Edelmetall-Motor-Drehwähler (EMD-Wähler) nach und
nach ersetzt. Die Einführung des EMD-Wählers war insbesondere wegen der
Einführung des landesweiten und internationalen Selbstwählferndienstes
notwendig geworden. EMD-Wähler und auf lokaler Ebene noch vorhandene
Hebdreh-Wähler wurden ab 1982 mit Beginn der planmäßigen Digitalisierung durch
die digitalen Vermittlungssysteme ersetzt
Unser Bielefelder Telefon-Museum zeigt die gesamte Entwicklung der
Wählertechnik in Funktion.